Blue Flower

Wilhelm Donner bezieht sich in seinem Nachdenken über Gott und den Menschen auf die Grenzen des Denkens und Handelns und warnt vor den Irrtümern, die in Katastrophen enden:

Intensiviertes Leben mit dem Anderen

von Wilhelm Donner

Ich erlaube mir, einen Gedanken zu formulieren, der auf eine Erfahrung verweist, die – so meine ich – allen von uns widerfährt. Das Erleben der eigenen Grenze, die Begrenztheit der eigenen Vernunft gegenüber dem unsichtbaren Walten im Geschichtsverlauf und die eigene Endlichkeit. Diese ganz allgemeinen menschlichen Grenzerfahrungen ließen nach der „Entthronung Gottes“ in der Welt die Voraussetzung für eine negative Theologie aufkeimen. Diese Grundlage fußt in der Übersättigung durch das alles durchdringende Wirken eines bestimmten Zerrbildes menschlicher Vernunft, aus der sich der ganz natürliche Reflex regt „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“

Walter Benjamin und Anselm von Canterbury stehen gemeinsam für die eine Wahrheit, dass aus der Hinfälligkeit der menschlichen Gedankenkonstrukte die Idee des absolut Ganzen nicht nur zwingend, sondern auch wirklich wird. Anders gesagt: Begriffe prägen die Wirklichkeit.

Rettung vor mir selbst

Tragödie entsteht dort, wo der Mensch einen Gott erwählt, der „ressortartig“ für Lebenslust und Trance zuständig ist, und mimetisch nachgeahmt wird, als müsste der Mensch sich das Leben erst von den Göttern abholen. Das Leben wurde uns aber vielmehr geschenkt und wir dürfen selber von uns aus das Leben „in die Hand nehmen“ – im Angesicht des einen Gottes, ob er nun wohlwollend oder zürnend mit uns verfährt.

Weil wir selbstermächtigt wurden, das geschenkte Leben zu führen, bedürfen wir keiner bewirkten „Intensitäten“. Der Andere sowie seine an mich wie meine an ihn gerichteten Worte und Taten intensivieren das Leben in einem solchen Ausmaß, sodass mich vor mir selbst nur der eine Gott mehr zu retten vermag.