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Christ sein und die Sexualität (1)

Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff erläuterte beim jüngsten Studientag der deutschen Bischofskonferenz notwendige Korrekturen der kirchlichen Sexualmoral.

Ich finde die Anregungen von Schockenhoff sehr überlegenswert und möchte sie in kurzer Form wiedergeben. (Veröffentlicht in Christ in der Gegenwart 12/2019)

Zwischen der Sexuallehre der Kirche und dem Missbrauchsskandal besteht zwar kein innerer Zusammenhang, aber der Missbrauch stellt die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Lehre in Frage. Nicht wenige der Vertreter der Kirche haben sich nicht an die Vorgaben, die sie bei Gläubigen eingefordert haben, gehalten. Die Missachtung sexualethischer Normen steht in einem großen Widerspruch zum Auftrag der Kirche, sich für den Schutz der Schwachen und Abhängigen einzusetzen. Sie sollten sich doch „von dem Respekt vor der Würde, der Freiheit und der Selbstbestimmung der ihnen anvertrauten Menschen leiten lassen".

Die kirchliche Sexuallehre stößt bei vielen "auf Gleichgültigkeit oder offene Ablehnung". Schockenhoff sieht als Grund hierfür darin, dass die Lehre keinen Rückhalt in den Humanwissenschaften und in den Sinndimensionen der Sexualität hat. Das Lehramt kann nicht klarmachen, warum voreheliche und gleichgeschlechtliche Sexualität, künstliche Empfängnisregelung und eheähnliche Partnerschaften nichts mit Nächstenliebe oder geordneter Selbstliebe zu tun haben.

Im Fall der Evolutionslehre ist es der Kirche gelungen, den Schöpfungsglauben mit den biologischen Erkenntnissen in Einklang zu bringen. Bei der Sexualität ist es ihr nicht gelungen.

Schockenhoff zitiert Papst Johannes Paul II, der in einer Ansprache 1988 meinte, die Sexuallehre sei von Gott in die menschliche Natur eingeschrieben und von der Offenbarung bekräftigt worden. Schockenhoff: Diese Immunisierung hindert die Kirche, historische Fehler der Lehre einzugestehen.

Man muss hier zu den Wurzeln der Lehre zurückgehen und wird fündig bei Augustinus (354-430). Einerseits beschreibt er in seinen Confessiones sehr freimütig seine sexuellen Erfahrungen als Jugendlicher und mit seiner Konkubine und benennt sein körperliches Begehren. Andererseits fand er es nach seiner Bekehrung entwürdigend, dass er von einer Macht, wie die Sexualität, beherrscht wurde, die er nur mit großem Aufwand kontrollieren konnte.

Er sah in dieser „Rebellion des Fleisches gegen die Vernunft" eine Folge der Erbsünde. Seit Adam von der verbotenen Frucht gegessen hatte, würde diese Erbsünde durch fleischliche Zeugung übertragen. Dadurch „entwarf Augustinus ein vergiftetes Bild der Sexualität.“

Die Erbsündenlehre erklärt nicht, wie getaufte und gänzlich von der Erbsünde befreite Christinnen und Christen die Erbsünde durch die Zeugung weitergeben.

Sexuelle Lust ist nach Augustinus dazu da, die zwei Ziele der Ehe zu erreichen: Nachkommen zu zeugen und Unzucht zu vermeiden. Lust ist hingegen von Bösen. Der toxische Schatten der augustinischen Sexuallehre verfolgte die Kirche Jahrhunderte lang. Erst das Zweite Vatikanische Konzil vollzog eine Hinwendung zum personal-ganzheitlichen Eheverständnis. Papst Johannes Paul II entwarf eine Theologie des Leibes mit einer personalistischen Anthropologie, warnte aber doch davor, dass sich die Ehepartner als Objekte ihres sexuellen Verlangens missbrauchen. Er vermied es, den Triebcharakter des Eros positiv zu würdigen.

Ein Lichtblick in dieser Geschichte der Lustfeindlichkeit stelle das Schreiben von Papst Franziskus „Amoris Laetitia“, Freude der Liebe, dar. Es bekenne sich „zu der spielerischen Freude, die mit dem sexuellen Erleben verbunden ist." Er warne zwar auch vor dem Gebrauchen und Wegwerfen, anerkenne aber die erotische Dimension der Liebe und würdige „den triebhaft-verlangenden Charakter des sexuellen Begehrens als Quelle menschlicher Daseinsfreude“.

Schockenhoff: Aber eine Schwalbe mache noch keinen Frühling. Es seien „inhaltliche Revisionsarbeiten am Gebäude der kirchlichen Sexualmoral vorzunehmen“.

Das erörtert Eberhard Schockenhoff im zweiten Teil, veröffentlicht in Christ in der Gegenwart 13/2019, rezensiert in Freude an der Sexualität!

Hannes Daxbacher

Professor Eberhard Schockenhoff
geb. 1953, Dr. theol., Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2001-2016 Mitglied des Deutschen Ethikrats, seit 2009 ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 2010 Mitglied in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.