Blue Flower

Christ sein und die Sexualität (2)

Eberhard Schockenhoff ging in einem Beitrag in Christ in der Gegenwart (Nr.13/2019) auf die verschiedenen Sinndimensionen der Sexualität ein:

Lustfunktion,
Beziehungsfunktion,
Identitätsfunktion und
Fortpflanzungsfunktion.

Der Freiburger Moraltheologe erläuterte dies beim jüngsten Studientag der deutschen Bischofskonferenz und mahnte notwendige Korrekturen der kirchlichen Sexualethik ein.

Er erinnerte an das Arbeitspapier „Sinn und Gestaltung menschlicher Sexualität“, das der Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer (1971-1975) in einfühlender und wertschätzender Sprache vorlag:

  1. Die Sexualität bestimmt die ganze Existenz des Menschen. Sie prägt Mann und Frau.
  2. Die Sexualität vermittelt existenzielle Erfahrungen: Selbstbestätigung, Bestätigung durch den Partner, Zuweisung von sozialen Rollen, Förderung der Entwicklung; im Erlebnis der Lust; in der Liebe zum Partner, im Angenommensein durch den Partner und in den sexuellen Ausdrucksformen dieser Liebe; in Zeugung und Erziehung des Kindes, im Geprägt werden durch das Kind und durch die Selbsterfahrung als Vater und Mutter.
  3. Die Sexualität des Menschen ist nach wie vor auch durch Zeugung und Erziehung der Nachkommenschaft sozial bedeutsam.

Diesen drei sinnbestimmenden Faktoren ordnet Schockenhoff drei Gesichtspunkte zu:

  1. In der Eigenliebe sollen die eigenen berechtigten Wünsche und Ziele zum Ausdruck kommen: begehrt werden durch die andere Person, Erfüllung des sexuellen Verlangens, Vergewisserung der eigenen Identität, Bedeutsamkeit des eigenen Daseins.
  2. In der Nächstenliebe sind die Wünsche und berechtigten Belange der anderen Person zu berücksichtigen. Diese muss um seiner selbst willen bejaht werden und nicht den eigenen Interessen untergeordnet werden.
  3. In der sozialen Verantwortung soll auch der soziale Sinn der Sexualität und ihrer Bedeutung für die Erhaltung der Gesellschaft bejaht werden. Sexualität ist nicht nur zum privaten Glück da, sondern muss eine Offenheit für Kinder einschließen.

Um die Sexualethik von den Fesseln einer ungesunden Moral zu befreien, hat Schockenhoff eine Einschränkung formuliert. In der älteren Tradition galt der Grundsatz, dass eine einzelne sexuelle Handlung nur dann gebilligt wird, wenn sie für die Verwirklichung aller denkbaren Sinnwerte offen ist. Wenn man etwa kein Kind zeugen will oder wenn man gleichgeschlechtliche Handlungen ausübt, dann ist die Tat moralisch unerlaubt, weil keine Offenheit für andere Sinndimensionen vorliegt.

Zwar sollen nach neuerer Ethik alle Sinnwerte integriert werden, aber einzelne sexuelle Handlungen können bejahenswürdig sein, auch wenn sie nicht alle Faktoren realisieren. Nicht jeder Akt muss zeugungsoffen sein. Auch das lustvolle Erleben des eigenen Körpers kann ein guter Umgang mit der Sexualität sein, gerade dann, wenn man alleine lebt oder Rücksicht auf den Partner oder die Partnerin nimmt. Schließlich können auch gleichgeschlechtliche Akte ein Ausdruck der Freundschaft, der Verlässlichkeit, der Treue und der Hilfestellung sein.

Diese Korrekturen belassen die Prinzipien der kirchlichen Lehre, sie nehmen aber Bezug auf humanwissenschaftliche Einsichten in den Sinn menschlicher Sexualität und beziehen sich auf geänderte Lebensverhältnisse.

Die „verantwortete Elternschaft" beinhaltet auch die Familienplanung mit einer angemessenen Empfängnisregelung, die Entscheidung über die Zahl der Kinder und die Abstände zwischen den Geburten. Weil es um die gegenseitige Achtung der Partner und das Wohlergehen der Kinder geht, ist die Benützung künstlicher Mittel der Empfängnisregelung kein lebensfeindlicher Akt, wie es einige Verurteilungen des Lehramtes unterstellen, sondern ein Dienst am Leben.

Zwar ist die Ehe der beste biographische und institutionelle Rahmen, innerhalb dessen Sexualität ihren optimalen Entfaltungsraum bietet, manchen Menschen ist aber dieser Lebensraum aus unterschiedlichen Gründen verschlossen. Enthaltsam zu bleiben ist aber oft wiederum eine Überforderung.

Schockenhoff verwies auf das Arbeitspapier der Würzburger Synode (1973), das die Frage aufwarf, ob die Beziehung von Unverheirateten nicht eine moderne Form der klandestinen Ehe sei, die üblicherweise heimlich geschlossen wurde. Das sexuelle Leben solcher Paare könnte positiv gewürdigt werden. Auch kann diese Verbindung später einen offiziellen Eheschluss erfahren.

Dass die Ehe eine emotional-ganzheitliche Lebensgemeinschaft von Mann und Frau ist, entspricht der biblischen Zweigeschlechtlichkeit und der Auskunft der Kulturgeschichte.

Damit es nicht den Anschein hat, dass gleichgeschlechtliche und intersexuelle Menschen sowie Transgender-Personen diskriminiert werden, müssen die gleichgeschlechtlichen Menschen vorbehaltlos anerkannt werden. Die Zweigeschlechtlichkeit ist ein Grundmuster, zeigt sich jedoch nicht bei allen Menschen. Die Kirche soll es wertschätzend anerkennen, dass sich nicht alle einem der beiden Geschlechter zugehörig sehen.

Schockenhoff meinte kritisch, dass der öffentliche Diskurs, wie er geführt wird, die Zweigeschlechtlichkeit in Verruf bringen möchte.

Treue ist mehr wert als Sex mit wechselnden Partnern. Der Mensch ist ein Beziehungswesen. Sexualität ist kein Bedürfnis wie Hunger und Durst, sondern eine Form der Sprache und der Mitteilung. „Sie steht unter dem Grundgebot der Wahrhaftigkeit, weil sie eine intensive Form der Kommunikation ist, in der Frau und Mann in leib-seelischer Einheit ihre Zuneigung zueinander ausdrücken." Körperliches Begehren ist ein Bestandteil dieser Kommunikation.

Schockenhoff sieht, dass sich durch die Liebe die Struktur des Habens verändert. Er zitiert Eberhard Jüngel: „In der Liebe gibt es kein Haben, das nicht der Hingabe entspricht.“ Trotzdem bleibt der Sexualtrieb „begehrende Liebe", die „Erfüllung im Anderen sucht".

Die Partner begehren einander und wollen begehrt werden. Wichtig bleibt die gegenseitige Attraktivität. Verbindet sich die ekstatische Struktur, das Außer-sich-Sein mit der Liebe, so entspricht dies dem „körperhaften, zur Liebe fähigen und anerkennungsbedürftigen" Wesen Mensch.

Quelle: Christ in der Gegenwart 13/2019. Der erste Teil: Christ in der Gegenwart 12/2019, rezensiert in Freude in der Sexualität?

Hannes Daxbacher

Professor Eberhard Schockenhoff
geb. 1953, Dr. theol., Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2001-2016 Mitglied des Deutschen Ethikrats, seit 2009 ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 2010 Mitglied in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.