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Über das Sterben im 21. Jahrhundert zu schreiben, ist zum einen eine hochinteressante Herausforderung, zum anderen ein nicht ganz ungefährliches Wagnis, wenn man vermeiden will, dass es nicht beliebig und im schlechten Sinne spekulativ bleibt. Vorausschicken möchte ich, dass man dabei nicht umhin kommt, ein Gefühl zu entwickeln, das sich den gegenwärtigen Stimmungslagen nicht zur Gänze aussetzt.

Wir an der Schwelle ins 21. Jahrhundert müssen denn nämlich als erste Generation seit langem erleben, dass – selbst in Friedenszeiten und nicht am Schlachtfeld – massenhaft einsam gestorben wird und nicht mehr im häuslich-familiären Verbund. Das macht viele traurig und zwar nicht in einem manifesten Sinn, dass es ihnen so auch bewusst wäre, sondern es lässt vielmehr jene Energien erlahmen, die auf ein Sterben nach einem erfüllten und am Ende kulminierenden Leben hin streben.

Die sozialpsychologische Situation der Gegenwart wurde vielfach und von dazu Berufenen gedeutet und es ist viel Richtiges über unsere Kultur dabei herauszuhören. Ich denke da pars pro toto nur an Erich Fromm, Helmuth Plessner, Arnold Gehlen, Theodor Adorno, Eugen Fink, Alfred Lorenzen und viele andere aus der unmittelbaren Zeitgenossenschaft wie Giorgio Agamben oder Roberto Esposito.

Eine der wirklich allgemeinen Einsichten, aber von Rainer Maria Rilke auf den Punkt gebracht, über das Sterben lautet ja, dass man für gewöhnlich so stirbt wie man gelebt hat. Lebte man einsam, stirbt man einsam, lebte man mit vielen Angehörigen, stirbt man für gewöhnlich in ihrem Beisein. Das Ende eines Menschen ist also seinem Leben ähnlich. Man kann diese Regel dann im Einzelfall überprüfen, sie hat sicher eine gewisse empirische Evidenz und ob sie sich für sog. Kollektivsubjekte, also für ganze Völker und Gesellschaften eignet, will ich trotz ihrer hohen Plausibilität dahingestellt lassen.

Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO ist der Suizid eines der großen Probleme unserer Zeit. In den letzten 45 Jahren sind die Suizidraten um 60 Prozent gestiegen und ist damit die zehnthäufigste Todesursache überhaupt und die dritthäufigste unter den 15- bis 44-Jährigen. Fundierten Schätzungen zufolge sterben demnach jährlich rund eine Million Menschen durch Selbsttötung und die WHO hat daher das Thema auf ihre Agenda genommen.

Einer der großen Risikofaktoren ist die Bedrohung der wirtschaftlichen Existenzbasis und der damit verbundene Verlust des gesellschaftlichen Ansehens und der Familie. Die WHO hatte bereits Ende 2008 vor dem Effekt gewarnt und die Ergebnisse der Lancet-Studie sind bedrückend: Mit jedem Prozent mehr an Arbeitslosigkeit steigt die Zahl von Selbstmorden bei den unter 65-Jährigen um 0,8 Prozent – im Übrigen auch jene von Morden – an. Steigt die Arbeitslosigkeit um mehr als 3 Prozent, erhöht sich dramatisch die Anzahl der Suizide um 4,5 Prozent, also um rund 30.000 Selbstmorde jährlich. Die Daten stammen aus den gegenwärtig 26 EU-Staaten über einen Zeitraum von 37 Jahren, nämlich zwischen 1970 und 2007.

Langfristige Konzepte, die einer Fragmentierung der Gesellschaft entgegensteuern, sind also gefragt, um die psychische Gesundheit zu fördern. Und diese wird bei Langlebigkeit auf breitem Niveau umso dringender erforderlich sein, um den sozialen Frieden in alternden Gesellschaften zu gewährleisten. Alte Menschen sind denn heute um nichts mehr friedfertiger als die Jungen, wie das früher der Fall war.

Die Nachbarschaftskonflikte in Alters- und Seniorenheimen steigen rasant und vielfach sind es heute die jungen Sozial- und Pflegebediensteten, die Streit schlichten und als Friedensstifter wirken.

Auch wenn sehr vieles darauf hindeutet, dass die derzeit alt werdende Generation, die letzte in der Reihenfolge sein wird, die ein so hohes Durchschnittsalter erreichen wird, so sagen uns trotzdem die Bevölkerungswissenschafter für das 21. Jahrhundert ein hohes Gesamtdurchschnittsalter voraus.

Was hat es nun mit diesen beiden entgegengesetzten Annahmen auf sich: Einerseits ist mit Verwerfungen in den sozialen Sicherungssystemen zu rechnen, d.h. dass ihr Ende zwar nicht prognostiziert wird, ihre Stabilität aber nicht mehr jenen hohen und uneingeschränkten Sicherungsgrad aufweist, wie noch vor etwa 20, 30 Jahren.

Demographische Umschichtungen beschleunigen zumindest eine Erosion, der bald und energisch entgegengesteuert werden muss. Dazu kommen die künftig schwer vorherzusehenden konjunkturellen Schwankungen aus der Wirtschaft, die gesamthaft ein Vexierbild der allseitigen Unwägbarkeit erschaffen.

Schließt man allfällige Naturkatastrophen in unseren Breitengraden redlicherweise in den Zukunftsszenarios aus, so wird ergänzend dazu ein sog. Überbauphänomen ihre Wirksamkeit entfalten, dass sich aus den Grenzerfahrungen der Medizin herleitet und gleichzeitig aus der an ihre Grenzen stoßende Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems resultiert: D.h. Lebensverlängerung in ihrer absoluten Normgestaltung verliert als humane Idee sowohl ihre praktische Plausibilität als auch ihre Zustimmung durch die empirisch erzeugten Plebiszite.

Ich verweise nur auf die jüngste IMAS-Studie des Linzer Meinungsforschungsinstitutes, wonach sich 49 Prozent für aktive Sterbehilfe nach dem niederländischen Muster aussprechen und eine Umfrage an der Grazer Medizinischen Universität förderte auf dieselbe Frage eine Zustimmungsbereitschaft von 62 Prozent zutage.

Es wird also durchaus so sein, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung nicht mehr wie bisher in jedem Jahrzehnt um zweieinhalb Jahre erhöht, aber die Bevölkerungspyramide wird bei den über 60-Jährigen ein immer größere Ausbuchtung erfahren. Dies ist die gegenläufige Tendenz zum Ende der Methusalemgesellschaft.

Keine infinite Erhöhung des Alterungsprozesses, dafür aber eine Verbreiterung der fortgeschrittenen Altersgruppen. Diese Annahme konvergiert auch mit den Szenarien der Zuwanderung, wonach sich die Tendenz zum Familiennachzug auf niedrigerem Niveau einschleifen wird und sich demgegenüber eine Facharbeiterimmigration von reiferen Jahrgängen verstärkt abzeichnet. Wir sehen also, noch im Laufe dieses Jahrhunderts kommen ganz neue Belastungen auf jede Generation hinzu und wir werden uns alle darauf einstellen müssen, dass mehr generationenübergreifende Verantwortung auf uns zukommen wird.

Ändert sich das philosophische Denken über den Tod?

Noch im 19. und 20. Jahrhundert stand der Tod im Mittelpunkt allen philosophischen Denkens, auch wenn stets von der Verdrängung des Todes auf breiter Ebene gesprochen wurde. Noch Hegel definierte ihn als die absolute Grenze und als jene Unwirklichkeit, das sich als das Furchtbarste erweist und, um es festzuhalten, die allergrößte Kraft erfordert. Und der Tod definiert nach Hegel auch das Leben.

„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut …, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben. Es gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet.“

Diese Zerrissenheit bestimmt das Dasein in der Moderne, welche die Antike so noch nicht kannte. Bei Epikur noch war der Tod ein Nichts, weil er nicht ist, solange ich bin, und ich nicht bin, wenn er es ist. Jean-Paul Sartre griff diese Tradition gegen seine eigenen Zeitgenossen auf, wenn er in „Das Sein und das Nichts“ festhält: „Der Tod, daran denke ich nicht, … ich will immer ein Aufruf zum Leben sein.“

Damit beeinsprucht er seine existentialistischen Zeitgenossen, allen voran Martin Heidegger. Dieser hatte ja noch in „Sein und Zeit“ von 1927 eine Analytik des Daseins entwickelt, die im Kern eine Analytik des Todes ist. Der Tod regiert das Leben, das „eigentliche Dasein“ erweist sich als ein „bewusstes Vorlaufen zum Tode.“

Bei Martin Heidegger nimmt der Tod die Stelle Gottes selber ein, er nennt es das Verfallensein an ihn. Subjektivität konstituiert sich zuallererst bei Heidegger darin, indem das Dasein „entschlossen“ seine „Freiheit zum Tode“ auf sich nimmt und es sich von der Verfallenheit an das sogenannte „Man“ losreißt. Soweit Heidegger, dessen invertierte Metaphysik heute nicht nur deshalb so antiquiert klingt, weil das existentielle Heroentum inzwischen ziemlich moribund geworden ist.

Tatsächlich erfahren wir den Tod zunächst und zumeist nicht als eigene Möglichkeit, sondern als Ereignis, das uns als Angehörige trifft. Und als solche erfahren wir das Sterben unserer Nächsten durchaus in einer Weise, wie das die alte Metaphysik sich nicht träumen ließ.

Wir haben es einerseits mit Untoten zu tun, die man als Todkranke in Spitälern nicht sterben lässt, indem sie „in organische Bestandteile der medizinischen Maschinerie“ verwandelt werden. Andererseits gibt es – hervorgerufen durch neue medizinische Möglichkeiten – vielfach den Wunsch nach maximaler Lebensverlängerung.

Während die finanziellen Ressourcen, die dem medizinischen System zur Verfügung stehen, einer strikten Begrenzung unterliegen, steigt die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen weiter an. Daraus entsteht eine Asymetrie von Beitrags- und Behandlungsleistungen, aber auch durch die Entwicklung der Altersstruktur und durch medizinische Innovation.

Damit sind wir beim Sterben im 21. Jahrhundert angelangt. Der Übergang vom Leben zum Tod erfolgt nicht selten etappengleich in Übergangsstadien. Dies hat u.a. zwei basale Voraussetzungen als Hintergrund: so wie gegenwärtig noch über den wirklichen Todeszeitpunkt einer Person mitunter Dissens herrscht (Hirntod/Herztod), sowenig steht am anderen Ende fest, was Gesundheit ist.

Sie gilt zwar als höchstes Gut in unseren Gesellschaften, doch niemand weiß genau, was das ist. „Gesundheit ist nicht normal, ist durch Untersuchungen nicht nachweisbar und ein Definitionsversuch durch die Weltgesundheitsorganisation ist gescheitert.“ Geblieben ist die ständige Sorge um die Gesundheit, die eben – nach Platon – auch eine Krankheit sein kann.

Das alles markiert eine Übergangszeit, in der ganz verschiedene Modelle der Arzt-Patienten-Beziehung auch in Österreich erprobt werden, man sucht nach Wegen partizipativer Entscheidungsfindung und nach evidenzbasierten Patientenentscheidungen. Ob man diesen neuen partnerschaftlich-deliberativen Ansätzen nun ein Vertrags- oder Kundenmodell unterstellt, ist dabei zweitrangig.

Bedeutsam ist, dass jede Dynamisierung dieser sensiblen Beziehung äußerste Behutsamkeit verlangt. Und es wird auch im 21 Jahrhundert so sein, dass der Patient nicht seinen Körper als Rechtsgut in die ärztliche Ordination trägt, sondern er als Leib-Seele-Einheit dortselbst erscheint.

Wir leben aber auch mit Patientenverfügungen, denen ich keine überaus lange Verkehrsdauer prophezeie, weil die Problemlagen der Selbstorganisation in den medizinischen Einrichtungen eine andere Richtung einschlagen werden. Ebenso bin ich überzeugt, dass das finstere Tunnel der öffentlichen Euthanasiedebatte über kurz oder lang verlassen wird.

Zweifellos wird es immer den Freitod und die aktive Sterbehilfe geben, und das ist im Sinne einer existentiellen Freiheitsbedingung auch gut so. Aber es wird die fast absurd anmutende Debatte um das Recht darum verstummen. Warum? Die Koordinaten um die Sinnsuche und Sinnfindung im Leben werden sich verstärkt in die Richtung des „Gebraucht Werdens“ verschieben und der Nihilismus des Daseinsüberdrusses wird auf Grund neuer Herausforderungen von selbst zurückgehen.

Probleme im medizinischen Alltag und bei der Betreuung Schwerkranker erwachsen nämlich infolge drastischer Personal- und Zeitverknappung. Mitarbeiter, Patienten und Angehörige verweisen auf zunehmende Fehlgewichtungen in der Gegenüberstellung von Rentabilität und Humanität.

Solche Erfahrungen samt ihrer oft moralischen Zuspitzung machen deutlich, dass vieles von dem, was im konkreten Einzelfall als geboten erachtet wird, in der Praxis nicht zu gewährleisten bzw. zu finanzieren ist.

Helmut Kohlenberger brachte dankenswerter Weise in einem Aufsatz über die Menschenwürde aus dem Jahr 2006 den Hinweis auf den Rechts- und Religionshistoriker Pierre Legendre, der im Zusammenhang von „Selbsttranszendenz“ vom zum Recht führenden Wort spricht, das dem den Abgrund bewohnenden Menschen zuruft: „Wo bist Du, Mensch?“

Die Moderne stellte – wie bereits gesagt – den Tod in den Mittelpunkt ihres Denkens und die Todgeweihten hatten daher große Mühe, diesen großen Stein als Reflexionsgegenstand beiseite zu schieben, um ihn für ihr Leben annehmbar zu machen. Ich erinnere nur an den breit rezipierten und von Hans Ebeling herausgegeben Band „Der Tod in der Moderne“ von 1979.

Max Scheler hatte noch die These vertreten: „Der Typus ‚moderner Mensch‘ hält vom Fortleben vor allem darum nicht viel, da er den Kern und das Wesen des Todes leugnet.“ Der Glaube an den Fortschritt, so Scheler, habe zur Eliminierung des Todesbewusstseins geführt. Diese Auffassung stritt mit der Gegenthese, erst der Unsterblichkeitsglaube habe den Fortschritt und das Leugnen des Todes ermöglicht.

So die Spätlage im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert. Heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind wir vom Fortschrittsglauben insoweit befreit, als er kein Verdrängungspotential mehr bereit hält. Das Sterben und der Tod sind – nicht zuletzt durch die Medienindustrie – allgegenwärtig und ein allfällig sich einstellender Fortschrittsglaube könnte uns lehren, das Sterben annehmbarer zu machen. Nicht im Sinne einer neuen humanen Thanatologie, sondern als Einübung in eine Theorie der Lebensfülle.

Wilhelm Donner

Rudolf Burger: Abstriche. Vom Guten und Schönen im Grünen. Sonderzahl, Wien 1991, S. 106

Manfred Lütz: Lebenslust. Über Risiken und Nebenwirkungen des Gesundheitswahns. Droemer, München 2006, S.35.

Pierre Legendre: Die Fabrikation des abendländischen Menschen. Turia & Kant, Wien 1999.

Das Buch verstand sich als philosophische Thanatologie, die nicht zufällig mit dem Zitat von Paul Celan eingeleitet wurde, wonach „der Tod ein Meister aus Deutschland“ sei.

Max Scheler: Tod und Fortleben. Gesammelte Werke X. Nachgelassene Schriften, Bern 1957. S. 15.