Blue Flower

Von Romano Guardini (1885-1968)

Am Anfang der Geschichte der Offenbarung und, entsprechend, des Glaubens, erhebt sich eine Gestalt, die umso bedeutungsvoller wird, je länger man sich mit ihr beschäftigt: Abrams[1]. Das erste Wort, das Gott an ihn richtet, gebietet: »Zieh hinweg aus deinem Vaterland, und aus deiner Verwandtschaft, und aus deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde ... Da zog Abram hin, wie ihm der Herr geboten hatte ... Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt« [Gen 12, 1-4]. »Zieh hinweg« - aus allem; was dem Menschen, in besonderer Weise dem Menschen der alten Geschichte, lebenswichtig ist: aus Heimat, Sippe und Haus. Der Gerufene soll sich aus allem lösen, was seine natürliche Existenz trägt und schützt und in die Fremde- das heißt aber auch: in Gottes Weite und Freiheit - gehen.

Wir denken das Gebot in folgender Weise interpretieren zu dürfen:

Sollst du die Offenbarung verstehen und ihr gerecht werden, dann musst du dich von den Voraussetzungen lösen, aus denen du bisher das Dasein verstanden und dich bemüht hast, seinen Sinn zu verwirklichen. Das gilt für jeden, der Offenbarung entgegennehmen und ihr gerecht werden will- wie spät auch seine Begegnung mit ihr im Gang der Geschichte sich vollziehen mag.

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Wenn wir sehen, wie in unserer Zeit Sinn und Kraft der Offenbarung und des Glaubens sich verdünnen, dann müssen wir sagen: die Menschen ziehen immer seltener um der Offenbarung willen »aus Heimat, Verwandtschaft und Haus«. Sie halten sich an den Maßstäben, Erlebnisformen und Ordnungen fest, in welchen sie von ihrer Natur her stehen; sie tragen das unmittelbare Verständnis von Mensch und Welt an die Offenbarung heran. Was sich aber durch diese an uns wendet, ist der Dreieinige Gott ... der Mensch gewordene Sohn ... die Kirche ... die Heilsgeschichte in Anfang und Ende, Schöpfung und Gericht - alles das, die Ordnung und Maßgestalt des ewig- gültigen Lebens; das gottgesetzte Verhältnis zur Welt, zu den Dingen, zur Natur, zur Kultur, kurzum, das durch die Offenbarung begründete Dasein ist anders als in »Ur-in-Chaldäa«. Der moderne Mensch sucht aber alles auszuscheiden, was sich nicht ins Unmittelbar-Natürliche einordnen lässt. Wo immer sich das Wort Gottes als das Wort des Heilig-Unbegreiflichen kundtut, wird es in Frage gestellt. Der Glaube soll »kritisch« sein. Der Gott, der zu Abraham, Moses und den Propheten; der Gott, der in Jesus gesprochen hat, wird nur als ein Element des allgemein-religiösen Erlebens verstanden.

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Das zweite Buch des Alten Testaments, »Exodus«, berichtet im dritten Kapitel, wie sich in der Einsamkeit des Horeb vom brennenden Dornbusch her die alles spätere grundlegende Offenbarung ereignet: Moses fragt Den, der ihm den Auszug aus Ägypten befiehlt: »Sieh, wenn ich nun zu den Israeliten komme und ihnen sage: >Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt-, und sie mich fragen: >Welches ist sein Name P« - was soll ich ihnen dann antworten?« Gott sprach zu Moses: »Ich bin, der Ich bin.« Und Er fuhr fort: »So sollst du zu den Israeliten sagen: -Der ‚Ich-bin' hat mich zu euch gesandt-« [3, 13-14]. In den Worten ist, wie in einem Brennpunkt, alles das gesammelt, was später in den Namen »Jahwe«, »Kyrios«, »Dominus«, »Herr« ausgedrückt - ja was, aus Ehrfurcht, überhaupt in keinen Namen mehr gefasst wird.

Diese souveräne Wirklichkeit Gottes wird vom Menschen, der »den Auszug aus Ur-in-Chaldäa« verweigert, als ein Element des eigenen religiösen Lebens angesehen. Von da ab ist alles verdorben. Kein Wort der Offenbarung sagt noch, was es eigentlich meint. Der Mensch ist mit sich allein.

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Wenn die radikale Frage gestellt wird: Was ist, einfachhin? - so lautet die Antwort: Gott; Er und sein Werk. Der Mensch aber ist durch Gott. Er ist, wie Augustinus sagt, »zu Gott hin geschaffen«. Er steht vor Gott; sein Tun wird von Gott gesehen und gerichtet. In dem Abfall hingegen, der sich seit Jahrhunderten vollzieht, lautet auf die Frage: »was ist?«, die Antwort: »der Mensch«, was er fühlt, was er erlebt, was er will und tut.

Das muss klar sein, wenn das Denken und Sprechen über die Offenbarung Sinn haben soll. Für jeden, der in den Ernstbereich der Offenbarung gelangen will, lautet die Bedingung: Dazu musst du aus deiner Selbstbehauptung hinausgehen. Musst wissen, dass du an das Geheimnis gerätst, welches dein Urteil überschreitet; an das Gericht, das dich beurteilt. Das gilt für jede Zeit, auch für heute. Gott redet aus seiner heiligen Souveränität. Der Mensch aber muss bereit sein, zu hören und zu gehorchen.

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Das ist die Voraussetzung für Sinn und Möglichkeit der Theologie. Theologie ist nicht »Wissenschaft« im gängigen Sinne; weder systematische noch historische. Sie bedeutet vielmehr, dass der Mensch eine Botschaft aufnimmt, die nicht aus »Ur-in-Chaldäa«, aus der natürlichen Menschen- und Dingwelt, sondern aus der Souveränität Gottes kommt: dass er »glaubt«. Ein neuer Mensch öffnet sich der neuen Botschaft und folgt der neuen Führung.

Erst nachdem er das getan und so weit, als er das getan hat, kann er sich sinnvoll um die »Erkenntnis« der Botschaft bemühen. Immer noch gilt der alte Satz: »fides quaerit intellectum«. Erst muss der Glaube da sein; dann kann er den Dienst der natürlichen Wissenschaft suchen. Erst muss der Mensch sich in die Weite und das Licht Gottes gewagt haben, dann kann er nach Empirie und Logik fragen. Wenn dem Glauben die Bereitschaft, der Mut, die Entschiedenheit dazu fehlen, dann zerfällt die Theologie.

In jedem, der sich um theologische Erkenntnis bemühen will, muss »Abraham« erwachen. Er muss aus »Ur-in-Chaldäa«, aus dem Eigenen, aus dessen Voraussetzungen und Maßstäben hinausgehen und sich in die Weite, in das Neue Gottes wagen. Dann erst wird etwas möglich, das wirkliche Theologie und nicht nur eine Form der menschlichen Selbstbehauptung ist.

 

 aus: Hochland, 61.Jg. Heft 3 / Mai-Juni 1969

 

 

 

[1] So lautet der Name von Haus her: »Erhabener Vater«, Später wird er Abraham, »Vater vieler Völker« [Gen 17, 5], lauten.

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