Vergisst die Kirche den Geist?

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Es ist eine Katastrophe. Da wird öffentlich über Kirchenreform diskutiert, aber die zentralen Kriterien, was Kirche ist, nicht beachtet. Das Zweite Vatikanische Konzil ist vergessen. Es hat aber formuliert, wie die Kirche über sich selbst denkt. In der Diskussion über die Reform der Kirche wird das vergessen, ist aber als Richtungsangabe voll entscheidend. Zentral dabei ist die Dogmatische Konstitution über die Kirche, Lumen Gentium. Das 8. Kapitel ist ein Schlüsseltext, da in ihm die Aussagen der vorherigen Kapitel zusammengefasst werden.

Hier der Text bis zur „Leitung der Kirche“:
Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfaßt und trägt sie als solches unablässig; so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16).

Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18 ff), für immer hat er sie als „Säule und Feste der Wahrheit“ errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.
Quelle: Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, Vatikan

Ich beziehe mich in den Aspekten des zentralen Textes auf die Untersuchungen von Michael Böhnke in seinem Werk „Kirche in der Glaubenskrise“.[1]
Als Kenner des Kirchenrechts weiß er, dass die Kirchenrechtler von einer perfekten Kirche ausgehen und drei Punkte hernehmen[2]:, die ihnen in ihr Konzept passen. Sie wollen vor allem die Leitungsgewalt der Bischöfe absichern:

  • „Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfaßt und trägt sie als solches unablässig.“
  • Die Kirche habe durch die Inkarnation sakramentalen Charakter. Sie ist „eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.“
  • Die Kanonisten interpretieren den Begriff „komplexe Wirklichkeit“ als „Communio“, damit er in ihre Sozietas-perfekta-Lehre passt, die auf Robert Bellarmin (gestorben 1621) zurückgeht.

Sie überlesen die Stelle, in der „das gesellschaftliche Gefüge“ dem Heiligen Geist dient, „der es belebt, zum Wachstum seines (des Sohnes) Leibes.“ Auch das Recht müsste dem Heiligen Geist dienen und nicht den Bischöfen.

Die Gestalt der Kirche ist in Lumen Gentium „eine einzige komplexe Wirklichkeit, zusammengesetzt aus sichtbarem und unsichtbarem Element“[3]. Es sind zwei Elemente, aber eine Wirklichkeit. Die Kirche ist dadurch nicht einfach, sondern komplex.

Lumen Gentium benutzt einen wichtigen Vergleich: Die Kirche ist „in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich.“ Damit ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes gemeint, der die Kirche ähnlich ist. Sie ist damit keine Fortsetzung der Inkarnation.
Lumen Gentium weiter: „Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes.“ Hier wird der Geist Christi als Akteur erkannt.
Wie die angenommene menschliche Natur dem Sohn Gottes als Heilsorgan dient, so dient das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Heiligen Geist zum Wachstum seines (des Sohnes) Leibes.[4]
Die Kirche ist durch die Beziehung zum Heiligen Geist keine Fortsetzung der Inkarnation und trotzdem ist in ihr Christus gegenwärtig. Der Geist Gottes ist die Manifestation der Gegenwart Gottes. Damit ist der Ruf nach dem Heiligen Geist (Epiklese) ein Vergegenwärtigen der ganzen Heilsgeschichte (Anamnese). Michael Böhnke verweist auf Heribert Mühlen, der die Analogie auch so interpretiert.[5]

Böhnke sieht hier drei zentrale Punkte:

  • Das unsichtbare Element der Kirche ist der Heilige Geist
  • Die Sendung des Heiligen Geistes wird sichtbar in der konkreten gesellschaftlichen Gestalt der Kirche.
  • Das gesellschaftliche Gefüge der Kirche hat einen sogenannten „eschatologischen“, zukunftsorientierten Zweck, dem Aufbau des Leibes Christi[6] bis zum Ende der Zeiten.

Dies sind die Grundlagen um zu verstehen, was Kirche ist.

Weiterlesen: Die Kirche muss zum Heiligen Geist rufen.


[1] Ich beziehe mich auf die Untersuchungen von Michael Böhnke in seinem Werk „Kirche in der Glaubenskrise. Eine pneumatologische Ekklesiologie 2013“. S.95
[2] Böhnke, 102
[3] Böhnke, 103
[4] Böhnke verweist auf A. Grillmeier, Kommentar zur Dogmatischen Konstitution über die Kirche, in: Das Zweite Vatikanische Konzil. Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen (LThK2 Erg. Bd I), 1966, 170-175, 173. Grillmeier bringt zwei Analogien, die analogia proportionalis und die analogia attributionis.
[5] Heribert Mühlen, Das Verhältnis zwischen Inkarnation und Kirche in den Aussagen des Vatikanum II, in: ThGl 55 (1965) 171-190, 178
[6] Böhnke, 105
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